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Hilfe für die Ukraine

Ein Wochenende am Grenzübergang Siret und die Sprache der Hoffnung 

Kurzentschlossen machen sich unsere Vereinskollegen Sylvia und Josef auf in Richtung Siret, zum rumänisch-ukrainischen Grenzübergang. Ziel ist ein Besuch bei unserer Partnerorganisation Fight for Freedom, um sich ein Bild zu machen, wie die Hilfe vor Ort aussieht. 

Die Hilfsorganisation Fight for Freedom hat ihre Wurzeln im rumänischen Veresti. Was hat es mit dem Namen auf sich? Es hat nicht etwa mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine zu tun. „Fight for Freedom“ bedeutet im Sinne der Organisation „Kämpfe für deinen inneren Frieden“. Sie wurde ins Leben gerufen, um Obdachlosen und vom Schicksal gebeutelten Menschen zurück ins Leben zu helfen.  

Am Donnerstag geht es los, ab an den Flughafen und ins Flugzeug in Richtung Rumänien. Vor Ort werden die beiden sehr herzlich empfangen. Nicu Maciuc, ein Unterstützer von Fight for Freedom, holt die beiden vom Flughafen ab. Nicu ist für die Logistik zuständig. Bei einem Abendessen im Haus der Familie Maciuc lernen sich alle erst einmal kennen. 

Freitag – Nach dem Frühstück geht es los. Auf dem Programm steht an diesem Tag ein Blick hinter die Kulissen von Fight for Freedom: Wer steckt dahinter? Was ist ihre Philosophie und was ist ihnen wichtig? Nachdem Sylvia und Josef die Gesichter hinter Fight for Freedom kennengelernt haben, wird ihnen auch gleich das aktuelle Projekt vorgestellt. Ein großes Haus wird gerade mit Hochdruck saniert, damit innerhalb weniger Wochen Wohnraum für 150 Menschen geschaffen werden kann, welche auf der Flucht sind und nicht wissen, wo sie hinkönnen. Ob jung oder alt, ob fit oder gebrechlich – bei der Sanierung packen alle mit an. Josef bekommt Gänsehaut beim Zusehen, wie harmonisch und fleißig hier Hand angelegt wird. 

Weiter geht es zum derzeitigen Mittelpunkt von Fight for Freedom, dem Obdachlosenheim, welches als vorübergehende Flüchtlingsunterkunft genutzt wird. Die Obdachlosen werden weiterhin gut betreut. Sie können jederzeit kommen und werden mit Essen, Getränken und dem Nötigsten versorgt. Die Herzlichkeit kommt hier trotz aller stressigen Umstände nicht zu kurz. In dem Haus gibt es ein Zimmer mit vielen Spinden. Hygieneartikel, Medikamente (auf Ukrainisch beschrieben), Kleidung, alles ist fein säuberlich sortiert, wie in einem Supermarkt. Jeder, der etwas benötigt, wird dort fündig. Die Flüchtlingsunterkunft ist nur für eine Nacht vorgesehen, um einmal auszuruhen, bevor die Reise weitergeht. Flüchtige, die nicht wissen, wohin es weitergehen soll, erhalten Unterstützung bei der Unterkunftssuche.  

Sylvia entdeckt eine Mama mit ihrer schwerbehinderten Tochter. Nun ist es soweit, der emotionale Abstand, der gestern noch da war, ist plötzlich weg. Wir sammeln in diesem Moment nicht Spenden für Flüchtlinge, nein, wir sehen in Not geratene Familien, Menschen mit einer Geschichte. Was muss eine Mutter erleben, um sich mit ihrem schwerbehinderten Kind auf den Weg in eine ungewisse Zukunft zu machen? Wie kann sie ihre Tochter versorgen? Wo werden sie unterkommen? Und doch ist Bleiben keine Option, wenn das Nachbarhaus bereits in Schutt und Asche liegt… 

Ein emotionaler Tag geht zu Ende, der Anlass ist ein schrecklicher, und doch sieht man, wie harmonisch Hilfe aussehen kann, wie sich Kreise immer wieder schließen, wie viele hilfsbereite Leute doch Hinsehen und Helfen. 

Samstag – Der Morgen beginnt mit Sonnenschein, heute geht es an den Grenzübergang Siret. Was erwartet Josef und Sylvia dort? Im Bereich des Übergangs sind ca. 10-15 Hilfsorganisationen mit Zelten stationiert. Zutritt hat hier nur, wer einen speziellen Ausweis hat, ausgestellt vom Grenzschutz. So sollen kriminelle Handlungen wie Menschenhandel verhindert werden. Fight for Freedom kümmert sich hier am Grenzübergang um die Flüchtigen, welche nicht wissen, wohin ihre Reise geht. Da in der Ukraine aus Sicherheitsgründen nachts eine Ausgangssperre gilt, kommen die ersten Ausreisenden erst gegen 10 Uhr an. Ab 11 Uhr kommt dann Bewegung ins Spiel, der Grenzübergang erwacht. Ein Bus kommt an, in einem Zelt gibt es Sandwiches, in einem anderen Kaffee. Freiwillige verschenken Luftballonfiguren, um die verängstigten Kinder ein wenig aufzuheitern. Die Hilfsorganisationen haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen den Flüchtigen aus der Ukraine zeigen: „Du bist in Sicherheit – atme auf – du bist nicht allein!“ Es ist nicht wichtig, welches das Zelt von Fight for Freedom, vom Roten Kreuz oder von Save the Children ist… Hier an der Grenze arbeiten alle Hand in Hand. 

Unzählige Familien kommen an, mit mehr oder weniger Gepäck, mit Kindern auf dem Arm oder hinter sich herziehend, weil die Kraft ausging. Sie alle sind auf der Flucht, auf der Suche nach Sicherheit… Da Sylvia weder Ukrainisch, noch Rumänisch spricht, beobachtet Sie die vielen Menschen, sieht die Emotionen in den Gesichtern. Was sie sieht, ist vor allem Hoffnung! Die Sprache ist nicht Ukrainisch, Rumänisch, Englisch oder Deutsch – die Leute hier am Grenzübergang Siret verbindet eins: die Sprache der Liebe und der Hoffnung. Ein Lächeln, eine Umarmung, Beistand für die, die aus ihrem sicheren Hafen in eine ungewisse Welt geflohen sind. 

Dann ist da noch ein kleines Mädchen mit seiner Mutter und seinen 6 Geschwistern. Sulina. Ein unschuldiges, verängstigtes Kind. Sulina. Ein Mädchen, das einfach in Sylvias Herz gehüpft ist. Die zwei verstehen sich auf Anhieb, denn auch hier gibt es nur eine Sprache, die verstanden wird. Hoffnung! Die beiden machen ein bisschen Quatsch, die Kleine lächelt, und doch sieht man starre Augen, die grausames gesehen haben, Ohren, die schreckliches gehört haben. Es wird lange dauern, bis sie das Erlebte verarbeiten kann. Tränen laufen Sylvia und Josef über die Wangen, als sie uns davon erzählen, und sie wünschen sich nur eines: dass Sulina und alle anderen Flüchtigen aus der Ukraine einen Ort auf dieser Welt finden, wo sie in Sicherheit bleiben können… 

An der Grenze wird jedoch nicht nur für die Durchreisenden gesorgt. Von hier aus werden wichtige Hilfstransporte ins ukrainische Czernowitz organisiert, das ca. 40 Kilometer vor der Grenze liegt. In den Orten nahe der Grenzübergänge sammeln sich aktuell unzählige Menschen, die abwarten und noch hoffen, ihr Land nicht verlassen zu müssen. Die Versorgung droht zu kollabieren, weshalb dringend benötigte Lebensmittel dorthin gesandt werden. 

Der Tag geht zu Ende, man möchte diesen Ort nicht verlassen, weil doch noch so viele ankommen. So viele, die die erste große Hürde geschafft haben. Sie sind über die Grenze, vorerst in Sicherheit! Man möchte bleiben und helfen. 

Sonntagabend – Es geht zurück nach Hause. Sylvia und Josef hängen ihren Gedanken hinterher. Der Krieg ist real und wir dürfen nicht wegschauen. Wir müssen hinsehen. Hinsehen, sehen was zu tun ist und dann helfen. In diesen schweren Zeiten sind Zusammenhalt und Solidarität am wichtigsten. Hinsehen und Helfen e.V. sucht kontinuierlich nach neuen Wegen, die Not in Europa und der Welt ein Stückchen kleiner zu machen. Wir sind stolz, ein Rädchen von unserem Verein zu sein. Jeder an seinem Platz und mit dem, was er tun kann. 

Hilf auch du mit!